Mercedes-Benz

Krasser Schlitten.

29. Mai 2020

Leistungsbekenntnis statt Ölkrisenblues: Vor 45 Jahren schickt Mercedes-Benz den 450 SEL 6.9 ins Rennen. Die Oberklasse ist damit neu definiert.

Mut gehört immer dazu, mit Spitzentechnologie auf den Markt zu gehen. Das klare Bekenntnis zu neuen Dimensionen von Leistung, Komfort und Technik ist ein Zeichen von Aufbruch und Zuversicht, gerade in außergewöhnlichen Zeiten. Willkommen im Frühjahr 1975: Die westliche Welt hat noch mit den Auswirkungen der Ölkrise zu tun, da präsentiert Mercedes-Benz auf der IAA in Frankfurt den 450 SEL 6.9 – das neue Spitzenmodell der Baureihe 116. Der Achtzylindermotor mit 6,9 Liter Hubraum beschleunigt die Hochleistungslimousine auf astronomische 225 km/h, nur ganz wenige Sportwagen sind noch schneller.

Ikone der 1970er: der 450 SEL 6.9 vor dem Hôtel de Paris in Monte Carlo.

Motor mit Geschichte.

Die technische Basis des großvolumigen Achtzylinders stammt aus dem legendären Mercedes-Benz 600 (Baureihe W 100). Allerdings wird bei gleichem Hub die Zylinderbohrung von 103 auf 107 Millimeter nochmals vergrößert. So entsteht ein Hubraum von 6.834 Kubikzentimetern. Der Motor leistet 210 kW (286 PS) bei 4.250 U/min und erreicht sein maximales Drehmoment von 550 Newtonmetern bei 3.000 U/min. Dieses hohe Drehmoment erlaubt den Einbau einer sehr „langen“ Hinterachsübersetzung (2,65). Das senkt Motordrehzahl und Geräuschpegel – die Kraftübertragung erfolgt per Dreigang-Automatik. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h ist mit 7,4 Sekunden beeindruckend, der DIN-Verbrauch auch – er wird mit 16 Litern bei 110 km/h angegeben.

Blick unter die Haube: V8-Motor mit 6,9 Litern Hubraum, 210 kW (286 PS) und 550 Newtonmeter Drehmoment. 

Aller Komfort.

Mercedes-Benz definiert den Begriff Oberklasse mit seinem Spitzenmodell neu. So erhält der 450 SEL 6.9 eine Hydropneumatik inklusive Niveauregulierung. Damit bleibt das Fahrzeugniveau konstant, es steht immer der volle Federweg zur Verfügung. „Mit dieser Neuerung wurde eine optimale Verbindung von hervorragenden Fahreigenschaften und höchstem Komfort in allen Geschwindigkeitsbereichen erzielt“, schreibt die Presseinformation vom April 1975. Außerdem hat das Fahrzeug eine geradezu märchenhafte Ausstattung: Klimaanlage, wärmedämmendes Glas, heizbare Heckscheibe, Zentralverriegelung, Tempomat, elektrische Fensterheber, Scheinwerfer-Reinigungsanlage, Velourspolster und auch Automatik-Sicherheitsgurte sowohl an den Vordersitzen als auch im Fond.

Zwischen 1975 und 1980 werden in Sindelfingen insgesamt 7.380 Stück gebaut – mit einem Grundpreis von 69.930,00 D-Mark (Januar 1976). Zum Vergleich: Ein Mercedes-Benz 200, Baureihe W 115, kostet 1976 18.381,60 D-Mark.

Gediegenes Interieur. Neu sind die Konsole unterhalb der Instrumententafel für die Bedienung von
Heizung und Belüftung sowie das Radio. 

Tradition.

1972 stellt Mercedes-Benz die neue S-Klasse mit den Typen 280 S, 280 SE und 350 SE vor, später folgen 450 SE und die SEL-Modelle mit 100 Millimeter längerem Radstand. Die Bezeichnung „S-Klasse“ wird erstmalig verwendet – und wird zum Inbegriff von Luxus, Komfort und Sicherheit.

Neudefinition der automobilen Oberklasse. Motorisierung, hydropneumatische Federung mit Niveauregulierung und der Ausstattungsumfang sind eine Sensation.

Begeisterung der Kritiker.

Die Schweizer „Automobil Revue“ ordnet den 450 SEL 6.9 so ein: „Es ist erfreulich, dass gerade in der heutigen Zeit ein Auto erscheint, das allerhöchsten Fahrgenuss für den Kenner – und zwar bei jedem Tempo – bietet. Der 6.9 zeugt nicht nur vom Zukunftsoptimismus, zu dem sich seine Verantwortlichen bekennen, sondern auch von Zivilcourage.“ Das Testurteil des britischen Magazins „Motor“: „Nur ein Wort fasst es zusammen: sagenhaft!“ („There is only one word to sum it all up: fabulous!“). Und „auto motor und sport“ titelt in Heft 21/1975 schnörkellos „Das beste Auto der Welt“ und schreibt im Untertitel „Der 450 SEL 6.9 setzt neue Maßstäbe in der automobilen Spitzenklasse“.

Sensation auf der IAA 1975: Debüt des 450 SEL 6.9.

Ölkrise.

Im Herbst 1973 wird in der Bundesrepublik die Abhängigkeit von den Öllieferungen arabischer Staaten deutlich. Die OPEC drosselt die Erdölförderung, und die Preise für Benzin und Diesel steigen rasant. Das hat Folgen. Beispielsweise gilt in Deutschland am 25.November1973 und an den folgenden drei Adventsonntagen bundesweit ein Fahrverbot. Doch selbst in der kritischen Phase der Automobilindustrie in den Jahren 1973/74 – bei allgemein stagnierenden oder rückläufigen Auftragseingängen – kann Mercedes-Benz steigende Verkaufszahlen verzeichnen. Allerdings wird die Markteinführung des 450 SEL 6.9 um einige Monate verschoben.

Fotos: Daimler